
Claudia Wessels, Lebenshilfe Bremen e.V.
In sehr komprimierter Form soll dieser Text Ihnen einen ersten Einblick in das komplexe Gebiet der barrierefreien Sprachge-staltung ermöglichen. Nach einer kurzen Definition des partizipatorisch wichtigen Bereiches der leichten Lesbarkeit werden die Kriterien leicht lesbarer Dokumente v.a. auf der sprachlichen Ebene dargestellt.
Lesbarkeit bezeichnet die Merkmale eines Textes, welche es einer bestimmten Lesergruppe erleichtern, den Sinn des Geschriebenen zu verstehen. Lesbarkeit ist demnach sowohl auf der Ebene des Textes zu sehen, als auch von Leserfaktoren abhängig.
Von leichter Lesbarkeit kann gesprochen werden, wenn es dem Autor eines Textes gelungen ist, die Textschwierigkeit optimal an die aktuelle Lesekompetenz des Lesers anzupassen und der jeweilige Leser den Sinn ohne Schwierigkeiten entnehmen und somit verstehen kann.
FREYHOFF U.A. (1998, S. 8) definieren leichte Lesbarkeit wie folgt: „Ein leicht lesbares Dokument kann somit als ein Text definiert werden, der nur die wichtigste Information enthält und auf die direkteste Weise präsentiert wird, so daß er die größtmögliche Zielgruppe erreicht“.
Die Lesbarkeit eines Textes ist von drei sich wechselseitig beeinflussenden Faktoren abhängig. Hierbei werden Leserfaktoren, inhaltliche Schwierigkeit und sprachliche und äußerliche Textgestaltung als bedeutsam erachtet. Diese verständlichkeitsrelevanten Größen möchte ich im Folgenden kurz darstellen, wobei ich mich v.a. auf die sprachliche Gestaltung beziehen werde.
Wie erwähnt, ist Lesbarkeit in einem engen Zusammenhang mit dem Leser zu sehen. Persönliche Faktoren wie Leseroutine, Interesse, Vorwissen, o.ä. bestimmen, ob ein Text als lesbar wahrgenommen wird (vgl. FIX 2003, S. 5).
Diese personalen Merkmale bieten als feste Größe einen Fixpunkt für die inhaltliche und sprachgestalterische Angemessenheit.
Auch die inhaltliche Schwierigkeit ist als ein individueller Faktor zu begreifen. Sie ist daher nicht durch objektiv messbare Merkmale zu erfassen und muss durch die jeweilige Nutzergruppe überprüft werden.
Relevante inhaltliche Aspekte sind:
Auch der einfachen sprachlichen Gestaltung kommt Einfluss zu. Sprachliche Einfachheit ist jedoch nicht mit einer kindlich banalen Ausdrucksweise gleichzusetzen. Generell sollte der sprachliche Ausdruck entwicklungs- und altersangemessen sein (vgl. FREYHOFF u.a. 1998, S. 8).
Sprachlich relevante Faktoren sehen BAMBERGER u.a. (1984, S. 37ff.) auf der Wort-, Satz- und Textebene:
Die häufige Verwendung von Funktionswörtern (z.B. Artikel, Pronomen, Hilfsverben, Konjunktionen) machen den Text verständlicher. D.h., dass eine Anhäufung von Fakten und Begriffen (Inhaltswörter) vermieden werden sollte. Inhaltswörter sollten auf mehrere Sätze verteilt werden, um eine zu hohe Faktendichte zu umgehen.
Auch hinsichtlich der Begrifflichkeit sollte die Zielgruppe beachtet werden. Die Geläufigkeit eines Wortes ist hierbei bedeutsam. Je bekannter ein Wort dem jeweiligen Leser ist, desto verständlicher ist es. Einerseits wird bei bekannten Wörtern die visuelle Aufnahmezeit im Leseprozess verkürzt, andererseits wird der Verstehensprozess eines Textes erleichtert, da auf bereits bekannte Wissensinhalte zurückgegriffen werden kann. Außerdem sollte für einen Gegenstand oder Sachverhalt im Text jeweils durchgehend nur ein Begriff verwendet werden. Hierzu GLINZ: „Wenn man beim Lesen einer graphischen Wortgestalt begegnet, die einem unvertraut vorkommt, stockt man kurz, die Aufmerksamkeit wird vom Erfassen des Textinhaltes abgelenkt“ (1987, S. 29).
V.a. bei Menschen mit einem eingeschränkten Wortschatz sollte daher möglichst eine alltagssprachliche Wortwahl getroffen werden. Technische Ausdrücke, Fachvokabular, Fremdwörter und Abkürzungen u.ä. sollten möglichst vermieden werden. Eine Hilfe bei der Wortwahl kann das Wörterbuch für leichte Sprache (WIR VERTRETEN UNS SELBST 2001) bieten, welches auch die Bedeutung des Einsatzes von ergänzenden, erläuternden Abbildungen für Menschen mit einer erschwerten Lesesozialisation betont.
Stehen keine entsprechenden bekannten und einfachen Begriffe zur Verfügung, sollten neue Wörter oder unbekannte Inhalte immer mit Hilfe von geläufigen Vokabeln erklärt werden, um an Vorwissen anzuknüpfen.
Des Weiteren wird der Wortlänge ein Einfluss zugesprochen. Es wird davon ausgegangen, dass Mehrsilber (ab drei Silben) schwieriger zu verstehen sind. Hierfür können Prozesse der Worterkennung und des Kurzzeitgedächtnisses als verantwortlich angenommen werden. BAMBERGER u.a. gehen davon aus, dass dieses auch im Zusammenhang mit „dem Abstraktheitsgrad der Sprache, in dem sich der Schwierigkeitsgrad spiegelt“ (1984, S. 39), zu sehen ist. So seien konkrete Begriffe in der Regel kürzer und somit auch leichter verständlich. Hinzu kommt sicher, dass durch den fassbaren Umgang mit Gegenständen konkrete Vokabeln präsenter sind, als abstrakte.
Auch auf der Satzebene finden sich verschiedene Kriterien, welche die Lesbarkeit eines Textes beeinflussen. Es sollte v.a. auf die Verwendung kurzer Sätze geachtet werden. Kürzere Sätze können generell leichter verarbeitet werden, da die einzelnen Sinneinheiten hierdurch leichter zu erfassen sind. BAMBERGER u.a. (1984, S. 40) betonen jedoch, dass hinsichtlich der Satzlänge die Verschachtelung (Anzahl der Gliedsätze) innerhalb des Satzes als maßgeblich angenommen werden muss. Als ursächlich hierfür wird die Begrenztheit des Kurzzeitgedächtnisses angenommen.
In leicht lesbaren Dokumenten sollte der Autor favorisiert positive Aussagen verwenden (Verneinungen vermeiden). Auch sollte er aktive Worte der passiven Form (z.B.: liegt, statt wird gelegt) bevorzugen. Hierdurch wirkt das Dokument lebhafter und weniger kompliziert und kann damit die Lesemotivation positiv beeinflussen.
Die Verwendung der Möglichkeitsform Konjunktiv (könnte liegen, o.ä.) sollte hingegen vermieden werden, da sie ungenau und für Menschen mit wenig differenzierten Spracherfahrungen verwirrend sein kann.
Auch Redundanzen (Informationswiederholungen) können das Verstehen insbesondere bei einem eingeschränkten Kurzzeitgedächtnis erleichtern. Hierzu KRETSCHMANN u.a.: „Wenig redundante Texte erschweren das sinnentnehmende Lesen zusätzlich. (...) Mit redundanten Texten, die gebräuchliche Begriffe und Satzmuster enthalten, (...) kommt man diesen Lesern entgegen“ (1990, S. 47). Hierbei sollten jedoch die Wiederholungen nicht übertrieben werden, da das Interesse des Lesers und somit die Motivation hierdurch nachlassen könnte.
Ferner kann eine klare Satzgliederung Probleme in der syntaktischen Sprachentwicklung ausgleichen. Bei der Satzkonstruktion sollte das Wort mit der Hauptinformation an der Subjektstelle stehen. Auch FIX bietet einen derartigen Vorschlag hinsichtlich der Stellung der Satzglieder an. Er erläutert in seinen Ausführungen die „Thema-Rhema-Gliederung“, bei welcher an erster Stelle das Thema des Satzes (Gegenstand der Handlung; z.B. das Kind), an zweiter Stelle die Handlung (z.B. spielt mit dem Ball) formuliert wird. Das Rhema (= Satzteil mit der wichtigsten Information) steht häufiger hinten, weil es den neu aufzunehmenden Zusammenhang liefert. „Das Rhema knüpft nicht an Bekanntes an, das Thema dagegen nimmt das Rhema des vorherigen Satzes wieder auf“ (FIX 2003, S. 8).
Der Leser sollte des weiteren möglichst oft persönlich angesprochen werden (z.B. „Sie haben das Recht...“). Hierdurch entsteht ein stärkerer Leserbezug, was zu einer erhöhten Lesemotivation führen kann. Im Vorfeld sollte die gewünschte Anredefloskel (Sie/Du) mit der Nutzergruppe geklärt werden.
Auch die Struktur des Textes hat einen Einfluss auf die Verständlichkeit. Einerseits kann die grammatikalische Konstruktion und Korrektheit als ein Charakteristikum angesehen werden.
Andererseits ist jedoch auch semantische Kohärenz bedeutsam. Ein logischer Textaufbau und eine leserfreundliche Gliederung ist als wichtig zu bewerten (vgl. FREYHOFF u.a. 1998, S. 8). Ähnlich der Gliederung auf der Satzebene bietet sich auch auf der Textebene eine leserfreundliche Struktur an, in welcher die wesentlichen Informationen an den Anfang gestellt werden, während die nachfolgenden Zeilen das bereits Gesagte näher ausführen.
Der Zusammenhang zwischen sprachlicher Einfachheit und Lesbarkeit darf jedoch nicht verallgemeinert werden. Es finden sich Beispiele, bei denen zwar auf sprachlicher Ebene eine Einfachheit vorzufinden ist, die Deutung der Sätze und somit die Lesbarkeit jedoch aufgrund des z.B. philosophischen Gehalts dennoch schwer ist.
Abschließend sei noch kurz auf die äußerliche Textgestaltung (Layout) verwiesen. Auch Faktoren wie z.B. Schriftart, Schriftgrad, Zeilenabstand, Zeilenlänge, Trennungen, Gliederung in kleinere Einheiten (Absätze, Überschriften), Papierauswahl, usw. können die Lesbarkeit beeinflussen. Detaillierte Angaben hierzu finden sich bei FREYHOFF U.A. (1998).