
Dr. Michael Charlier, KommKonzept.de
Die vom W3C standardisierte Markup-Sprache XHTML und die Auszeichnungssprache CSS bieten ideale Voraussetzungen für die Produktion von Webseiten im Sinne eines Universal Design. Erklärungsbedürftig ist nicht, wie es gemacht wird, sondern warum es meistens nicht gemacht wird. Den Gründen hierfür ist nachzugehen um schließlich festzustellen, dass sie ihre vor Jahren durchaus plausible Berechtigung inzwischen weitgehend verloren haben. Standardkonforme Seiten sind nahezu universell zugänglich, ihre Produktion erfordert nicht mehr Aufwand als die herkömmlicher Seiten. Jetzt geht es darum, die neuen Möglichkeiten zu nutzen und die dazu erforderlichen Qualifikationen zu erwerben.
Universelles Design zielt darauf ab, allgemeine Produkte und Dienstleistungen so zu gestalten, dass sie ohne weitere Anpassung für die größtmögliche Zahl unterschiedlicher Anwender direkt genutzt werden können. Das „Center for Universal Design“ der NCSU hat 7 Prinzipien des UD aufgestellt, die auch im Web und außerhalb Nord-Kaliforniens grundsätzliche Bedeutung haben. In Stichworten:
Im Zentrum der e-Accessibility steht derzeit der Gedanke, Menschen mit Behinderungen nicht vom Zugang zu den Ressourcen der Informationsgesellschaft auszuschließen.
Immer stärker rückt jedoch auch der Gesichtspunkt ins Blickfeld, dass es nicht nur körperliche oder kognitive Behinderungen gibt, sondern auch situationsbedingte: Autofahrer auf der Suche nach einer Umleitung, Hotelgäste hinter einem teuren Zugang, Menschen in kommunikationstechnisch schlecht angebundenen Regionen oder Ländern...
Ein dritter Aspekt, der immer mehr an Beachtung findet, ist die automatische Auswertung von Inhalten durch Robots und Agents.
Demgegenüber hat sich das traditionelle Webdesign darauf konzentriert, Anwendern, die vor einem Monitor sitzen und a) gut funktionierende Augen und b) eine dem aktuellen (teuren) Stand der Technik entsprechende Ausrüstung besitzen, eine Präsentation zu bieten, die den Wahrnehmungsgewohnheiten hochentwickelter Drucktechnik und des Fernsehens entgegenkommt. Also ein sehr spezielles Design.
Wenn es heute darum geht, auch im Web ein universelles Design zu entwickeln, sind zwei unterschiedliche und teilweise gegensätzliche Anforderungen zu vereinbaren. Universelles Webdesign muss:
Diese beiden Bedingungen sind dann erfüllbar. (aber noch lange nicht automatisch erfüllt!), wenn man den Inhalt von Webangeboten und die Art ihrer Darstellung völlig voneinander trennt, so dass jede Wiedergabetechnik den Inhalt nach ihren Möglichkeiten präsentieren kann. Und genau dazu bietet X(HT)ML hervorragende Voraussetzungen. Wenn man es in der Variante „strict“ einsetzt, kann auch HTML 4.01 die Trennung von Content und Darstellung gewährleisten.
Leider hat die Entwicklung des Internets bzw. seiner Markup-Sprache HTML zunächst einen anderen Verlauf genommen. Ursprünglich war HTML eine Sprache ausschließlich zur Übermittlung von Inhalten per Web - fast ohne Elemente der Präsentation. Die Möglichkeit zur Einbindung von Bildern kam erst mit HTML 2.0.
Als das Web aus den Händen der Wissenschaftler und Militärs an das allgemeine Publikum überging, wuchs das Bedürfnis nach „schön“ gestalteten Seiten, und die frühen HTML-Bastler suchten - und fanden - Tricks, um Seiten so aussehen zu lassen, wie sie das von den Printmedien her gewöhnt waren. Blockquote für Absätze, bold für Überschriften und table für Mehrspaltigkeit waren die bekanntesten und verheerendsten. Im Zuge der Browser Wars statteten die Browserhersteller ihre Programme mit weiteren Möglichkeiten zur Gestaltung aus - so kamen Frames und Javascript dazu. Das W3C sah sich veranlasst, den HTML-Standard entsprechend den Wünschen der Designer um weitere Möglichkeiten zur Präsentation zu ergänzen, und mit HTML 3.2 und 4.0 war schließlich ein Stadium erreicht, in dem von einer Trennung von Inhalt und Darstellung keine Rede mehr sein konnte. 99% aller heutigen Webseiten werden mit Verfahren und Werkzeugen erzeugt, die Inhalt und Präsentation rettungslos miteinander vermischen.
Seit zwei, drei Jahren ist nun eine Gegentendenz zu beobachten, sie beruht auf zwei Entwicklungen: Das W3C hat begonnen, den HTML-Standard zu „reinigen“ und wieder in Richtung auf die Trennung von Content und Darstellung hin weiter zu entwickeln, und die Browserhersteller haben große und einigermaßen erfolgreiche Anstrengungen gemacht, standardgemäßes (X)HTML samt den dazu gehörenden Stylesheets weitgehend übereinstimmend auszuwerten.
Die HyperText Markup Language HTML ist eine spezialisierte Auszeichnungssprache für das Internet, die aus dem klassischen (1. Version 1980) Markup-Sprachen- Standard SGML (Standard Generalized Markup Language) abgeleitet wurde. Allerdings wurde bei dieser Ableitung und erst recht bei der Weiterentwicklung mit der heißen Nadel gearbeitet. Eine Trennung von Content und Präsentation ist kaum möglich, Semantik bleibt unberücksichtigt. Die Layoutsprache CSS kam erst später hinzu und blieb lange praktisch bedeutungslos.
Angesichts der Mängel von HTML und der enormen Komplexität von SGML wurde Mitte der 90er Jahre aus SGML eine weitere Metasprache entwickelt, die auf selten genutzte Eigenschaften des Vorgängers verzichtet und noch strenger logisch strukturiert und vor allem unbegrenzt erweiterungsfähig ist: Die Extended Markup Language XML. Durch seine einfache Grundstruktur ist eine alle denkbaren Einsatzzwecke und Plattformen übergreifende Nutzung/Verarbeitung möglich. Layoutsprache ist XSL.
Trotz seiner schweren Mängel ist HTML mit seiner riesigen „installierten Basis“ nicht einfach durch XML ablösbar. Um wenigstens einen Migrationspfad in eine an Standards orientierte Zukunft zu öffnen, hat das W3C zum einen für HTML 4.01 eine „strikte“ Version definiert, die eine volle Trennung von Content und Präsentation bietet. Zusätzlich wurde HTML 4.01 entsprechend den Regeln von XML umformuliert und so zum neuen Standard XHTML 1.0 weiterentwickelt. In der Variante „transitional“ läßt XHTML 1.0 noch einige Vermischung von Content und Präsentation zu, in der Variante „strict“ wird die Trennung konsequent durchgeführt.
Damit stehen jetzt zwei Migrationspfade zur Verfügung: Der HTML-basierte betont die Kompatibilität zu den bestehenden Browsern, die noch nicht alle XML-fähig sind. Der XHTML-gestützte ermöglicht auch die Verarbeitung der Dokumente in XML-Parsern, ohne die Rückwärtskompatibilität abzuschneiden.
Wer die Migrationspfade nutzen will, kommt allerdings leider gelegentlich ins Straucheln. Unglücklicherweise bleibt die Implementierung bei den am meisten verbreiteten Browsern - MSIE - am weitesten hinter den Standards zurück. Das wirkt sich so aus, dass man einiges, was nach den Standards möglich wäre und für z.B. Mozilla auch möglich ist, entweder gar nicht oder nur per Workaround realisieren kann - und Workarounds sind immer aufwendig.
Ärgerlicher ist für viele Webentwickler der Umstand, dass kleine Unterschiede in der Darstellungsweise oft verhindern, dass Elemente plattformübergreifend pixelidentisch positioniert werden - und daran ist schon manche Designidee gescheitert. Dazu ist zu sagen, dass jedes Design, das pixelidentische Darstellung verlangt, quasi per Definition kein Universal Design sein kann - man sollte sich von solchen Ideen lösen. Das ist aber leichter gefordert als getan, und trotz hoffnungsvoller Ansätze auf css-design und css-zengarden gibt es zur Zeit erst wenige Beispiele zur Entwicklung „fluider“ Präsentationsformen, die sich erfolgreich von den in tausend Jahren Schriftgeschichte entstandenen Vorstellungen des Schreibens auf Flächen fester Größe (am besten aus Stein) gelöst hätten. Ein ganz kleines Beispiel dafür sind die - in Hinblick auf Universalität aber auch nicht unproblematischen - Help-Bubbles. Die Herausbildung von eigenständigen Konventionen für die Präsentation von Inhalten im Netz steht noch ganz am Anfang.
Mit dem Begriff der Konventionen ist der technische Bezirk verlassen und ein stärker kognitionspsychologisch und gesellschaftlich geprägter Bereich betreten. Damit verbinden sich sowohl vorantreibende als auch hemmende Elemente für die Entwicklung eines Universal-Designs. Einige neue Konventionen haben sich als extrem sinnvoll erwiesen und auch nahezu universell durchgesetzt: Links sind hässlich blau und unterstrichen - und sonst sollte nichts unterstrichen sein. Dokumente oder Dokumentstellen werden nicht nach Bänden, Kapiteln und Seiten referenziert, sondern nach global einheitlichen und einzigartigen Adressen. Andererseits stehen viele alte Konventionen jeder Universalisierung etwa auf globaler Ebene entgegen: Farben rufen in verschiedenen Kulturen nun mal verschiedene Assoziationen und Stimmungen hervor, und ob man eine Linie oder eine Massenverteilung als ansteigend oder abfallend empfindet, ist nicht einheitlich festgelegt, sondern hängt von der kulturell verankerten Leserichtung ab.
Wenn diese Unterschiede verschwänden, wäre der Verlust womöglich größer als der Gewinn.